Pfarrer Dr. Becks zum 500. Geburtstag Calvins
Knorrige Menschen hervorgebracht 
NIEDERRHEIN. Der Totalkrach mit der katholischen Kirche war Johannes Calvin, wenn man so will, schon in die Wiege gelegt worden. „Sein Vater war Notar des Domkapitels in Noyon. Dieser hatte so heftige Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherrn, dass er am Ende exkommuniziert wurde“, sagt Pfarrer Dr. Hartmut Becks. Anlässlich des 500. Geburtstages von Johannes Calvin in diesem Jahr referiert der Gemeindepfarrer der ältesten reformierten Kirche Deutschlands (in Alpen am Niederrhein) derzeit regelmäßig über den 1564 in Genf gestorbenen Reformator.
Streng gegenüber sich selbst
Das Denken Johannes Calvins, so Hartmut Becks, sei ohne einen Blick auf den römischen Philosophen Seneca schwer zu verstehen. Seneca hatte gefordert, streng gegenüber sich selbst zu sein. Calvin übersetzte das für sich in die strenge Nachfolge Jesu Christi. Im Zentrum seiner Theologie steht allein die Bibel und das J. C. in seinem Wappen bedeutet nicht etwa Johannes Calvín, sondern Jesus Christus.
Dass das konsequente Denken aus dem Wort der Bibel heraus den katholischen Mächtigen nicht gefiel, merkten Calvin und sein Freund Nikolaus Kop bald. Calvin hatte die Rektoratsrede für Kop geschrieben, der zum Rektor der Universität von Paris berufen worden war. Während der Rede sprangen die ersten Zuhörer aus den Fenstern, die beiden mussten sich eines lautstarken Häresie-Vorwurfs erwehren und letztlich aus Paris fliehen.
Luther und Calvin schätzten sich
Mit Anfang 20 konvertierte Calvin zum Protestantismus. „Luther und er sind sich nie begegnet, schrieben sich aber viele Briefe und schätzten sich sehr“, so Dr. Becks. Diese Brieffreundschaft festigte sich vor allem, als Calvin von Genf aus mit vielen Denkern und Theologen aus ganz Europa korrespondierte. Hartmut Becks: „Calvin war auf seiner Flucht eigentlich nur durch Zufall nach Genf gekommen, blieb aber auf Einladung des Stadtrates dort und sorgte dafür, dass die Stadt einen immensen Aufschwung nahm.“
Was zog die Leute an? „Es war eine Zeit der geistigen und geistlichen Orientierungslosigkeit, Calvin bot mit seinem Ordnungssystem Sicherheit und Halt“, so Dr. Becks. Er reglementierte den All- und Sonntag der Menschen und schickte Presbyter und Diakone in die Familien, die den christlichen Lebenswandel der Bürger überprüfen sollten.
Calvin wollte keinen Grabstein
Sein Wille zur christlichen Ordnung ging so weit, dass Calvin 1553 dem Todesurteil für den spanischen Arzt Michael Servetus zustimmte, der die Trinitätslehre in Frage gestellt hatte. Hartmut Becks: „Diese Entscheidung ist nur aus der strengen Konsequenz Calvins gegenüber allen Fragen des Lebens und Glaubens zu verstehen.“ Es gebe aus heutiger Sicht nichts schön zu reden oder zu relativieren, man könne nur versuchen, einen Denker und Theologen wie Calvin auf der Grundlage seiner Schriften zu verstehen.
Immerhin berufen sich heute 80 Millionen reformierte Protestanten weltweit auf ihren Stammvater Calvin, die meisten leben in den USA. Der aktuelle Genfer Stadtrat stellte kürzlich sogar einen Grabstein für den Reformatoren auf, weil zunehmend mehr Christen aus Asien nach ihm suchen. Dr. Becks: „Calvin wollte keinen Grabstein und außerdem hatte er bis zu seinem Tode alles, was er besaß, an Bedürftige verschenkt.“
Beispiel Abendmahl
Am Beispiel seines Verständnisses vom Abendmahl wird besonders deutlich, wie sehr Calvin den Menschen in die Pflicht nimmt. Während die katholische Kirche davon ausgeht, dass in der Eucharistiefeier Brot und Wein tatsächlich zu Leib und Blut Jesu Christi werden, sagt Luther, dass sie es nur symbolisch sind und es ein göttlicher Gnadenakt sei, wenn sie sich beim Abendmahl verwandeln. Calvin sagt, dass es passieren kann, oder eben nicht. Es liegt bei jedem einzelnen und seiner inneren Haltung. Dr. Becks: „Wenn man auf dieser Spur Calvins Denken folgt, bekommt man ein Gespür dafür, warum Calvins Reformation so viele knorrige Menschen hervorgebracht hat.“
Im Oktober 2009